Neujahrsgeschichte

Statt einer “Neujahrsansprache”

Der Jahreswechsel zieht Neujahrsansprachen an wie der “Black Friday” Konsumsüchtige. Gerne werden jedes Jahr Worthülsen zu hübsch klingenden Schachtelsätzen verklebt, die niemandem weh tun – und auch niemandem irgendetwas bringen. PR-Agenturen bereiten unverbindliche Manuskripte vor, die dann von Podesten oder vor laufenden Kameras dem Volk vorgelesen werden.
Wie wäre es stattdessen mit einer Neujahrsgeschichte?

Das Wort “Silvester” leitet sich vom Lateinischen silvestris ab und steht für “bewaldet” oder “wild”. Und so erzählen wir euch heute eine wahre, wilde Geschichte: Unser erstes Weihnachten & Silvester auf Reisen, im Süden Kretas. Drei Monate waren wir damals – 2015 – im Wohnmobil unterwegs gewesen: Tatjana, Oliver, unsere Tochter Bonnie und die beiden Chihuahuas Yannik & Sherry. Und dort, in Grammeno, am Strand, fand sich für einige Wochen Familie.
Aber lest selbst…
(Aus unserem Buch “Nächste Ausfahrt: Freiheit”, das ganze Buch gibt es hier als eBook: Tredition, Thalia)

Kommt gut rüber nach 2026 und im Februar ins Jahr des Feuerpferdes!!
Alles Liebe, Tatjana & Oliver
THE DREAMWALKER SPACE

 

Weihnachten beim Minotaurus
Grammeno/ Kreta, Dezember 2015.
Seit drei Monaten on-the-road.

Schwer schlingert der Fahrradanhänger hinter mir und zieht bei jeder noch so kleinen Steigung gen Erdmittelpunkt. Meine zweieinhalbjährige Tochter Bonnie liegt breit im Sitz des Anhängerchens, ein breites Grinsen der Vorfreude die Küste entlang strahlend. Die Einkäufe für unser gemeinsames Fest und die paar Flaschen Wein und Raki, die der Abend wohl gut vertragen kann, sind fest im Chariot-Anhänger verstaut, der uns von Freunden in Falkensee fast aufgeschwatzt worden ist, den wir jetzt aber nicht mehr missen mögen.
Weihnachtlich ist mir. Nicht wie im einstigen Zuhause, wo Glühwein- und Nelkenduft die Adventsluft schwängern. Wo man auf das erste Zeichen von Schnee wartet, wo das Fest in Schaufenstern vorgefeiert wird und spätestens ab dem 20. in Stress ausartet.

Nein, dieses Weihnachten wird anders sein…

Die Sonne scheint, ich trage nur mein gelbes Hawaii-Hemd – das mit dem Motorblock und den Barbusigen; dreimal habe ich es den Händen meiner Frau Tatjana entrissen und vor der Entsorgung gerettet. Das Meer glitzert zur Linken, rechts meckern uns ein paar Ziegen hinterher, aus Gewohnheit. Ein LKW mit prall gefüllten Säcken überholt uns, wirbelt Staub auf. Ein Hund bellt von einem Wellblechdach herunter.
Es ist eine besondere Zeit, auch hier an der Südwestspitze von Kreta. Für wenige Tage scheint die Welt still zu stehen. Familie und Freunde klopfen an die Tür, und man lässt sie herein. Ob man nun an den Christengott glaubt oder nicht, ob man seine Familie ungeduldig erwartet oder zum Teufel wünscht.
Es ist halt Weihnachten.

Am Nachmittag strolchen wir zum geplanten Foto-Shooting an den Strand, der sich direkt vor dem fast verlassenen Campingplatz bis zur Grammeno-Halbinsel streckt. Meine Füße drücken sich in den feinen Sand, in der Ferne sehe ich Chris, der seine 13 Hunde ausführt.
Tatjana und Bonnie kuscheln sich in die Hängematte unserer neuen kolumbianischen Freunde Yolanda und Raffa. Ich drücke den Selbstauslöser und eile zu unseren beiden Chihuahuas.

Halte sie rechtzeitig hoch, um unseren sonnigen Gruß festzuhalten, den wir heute Abend über die sozialen Kanäle hinausschicken, die uns mit der alten Heimat noch verbinden.„Ameisenscheiße“, flötet Bonnie. Das hat ihr ein Fotograf in Berlin beigebracht. „Cheese“ war ihm zu banal.
Wir knipsen und knipsen, und jedes Bild wird von Tatjana kritisch unter die Lupe genommen. Sie hat früher Make-up und Hairstyling an großen Foto-Sets gemacht. Kann also dauern…
Wir verbringen fast drei Stunden hier am Strand, spielen nach dem Fotografieren mit den Welpen, die Chris vorausgelaufen sind. Dann helfen wir ihm, die Energiebündel irgendwie in ihr Gehege zu bringen. Jagen einem Ausreißer nach, und zählen immer wieder durch. Abendliche Routine, mittlerweile. Was wird Chris eigentlich machen, wenn wir weiterziehen? Dann machen wir uns auf den Weg zu den anderen paar Gästen hier auf dem Platz, um unter Johannisbrot-Bäumen und Palmen Heiligabend zu feiern.
Vor der Hütte von Yolanda und Raffa stellen wir Tische zusammen, schleppen Stühle herbei, improvisieren eine Buffet-Front, die die etablierte Gastronomie Europas um Längen, Farbenfreude und Fülle schlagen würde.

Es gibt angebratenen Reis, Okra in Tomatensalsa, Salat in allen Farbnuancen, gedämpfte Süßkartoffeln, süße und salzige und scharfe Saucen, Schokoladen-Kokos-Kuchen, und noch so vieles mehr.

Es gibt sizilianischen und griechischen Wein aus schönen Glasflaschen und Wein, der keinen Euro gekostet haben dürfte.
Es gibt spanische, französische und englische Weihnachtslieder. Natürlich „Stille Nacht“ und „Jingle Bells“, aber auch „Feliz Navidad“ und „Mon beau sapin“ dürfen nicht fehlen. Es gibt Samba & Merengue aus Raffas Monster- Lautsprecherbox und gelegentlich eine Mundharmonika- Improvisation von Bonnie in Kleinkind-Dur.
Aber vor allem – es gibt uns.

Den Kolumbianer Miguel, mit dem sich unsere Tochter Bonnie angefreundet hat. Die beiden sind zusammen 100 Jahre alt. Sie sind unzertrennlich geworden, verstehen sich ohne Worte oder Verhaltensregeln. Suchen sich den ganzen Abend mit Blicken und nachgeahmten Tierlauten. Liegen sich in den Armen und kichern sich durch die Feiertage.
Dennis aus Yorkshire, der sich kurz vor Mitternacht umzieht, um dem Vorurteil entgegenzuwirken, er hätte nur ein einziges T-Shirt. „E-oop“, ruft er aus dem Dunkeln und präsentiert stolz das zweite. Bei der Gelegenheit hat er gleich noch eine Plastikgallone Weißwein mitgebracht, die man nur mit scharfer Salsa runterkriegt.

Da sind Yolanda und Raffa, die Liebenden. Die nur Jetzt sind. Und Hier. Die tanzen und lachen und wirbeln und die Zukunft ganz bewusst ausschließen aus dieser illustren, bunten Runde. Die sich über Kontinente hinweg gefunden haben und in ihrem umgebauten Bus durch die Welt reisen.
Da ist Jean, der Globetrotter aus Frankreich, der nach und nach seine Schnapsvorräte anschleppt und zu jedem Brand eine Geschichte bereithält. Aus Vietnam, aus Mauretanien (wo er den Polizeipräsidenten kennt), aus Albanien. Und der uns Reisenden eine ganz einfache Botschaft schenkt:
„Es gibt keine gefährlichen Länder. Es gibt nur ortsübliche Regeln, an die man sich besser hält. Dann kannst du überall hingehen.“
Neben ihm sitzen Steve aus England und seine Frau Sarah aus Neuseeland, beide seit Jahren in Kallyves an der Nordküste Kretas gestrandet, im besten Sinne des Wortes. Sie wollen hier nicht wieder weg, und wir werden sie im Januar besuchen.

Dann ist da natürlich Chris, der in Miene und Wort wieder ein kleiner Junge wird, ganz ohne Alkohol oder Maske. Der seine dreizehn Hunde schlafen gelegt hat und mir seine zwanzig Lieblingsfernsehserien aus England nacherzählt. Der als IT- Experte über das Internet arbeitet und hinter den Waschräumen in einem alten Camper wohnt. Der auf die Frage, ob er Weihnachten nicht noch einmal in „Good old England“ verbringen möchte, lapidar antwortet:
„Why would I?“.
Und mittendrin staunen Tatjana und ich. Die „Verrückten“, die
„Verantwortungslosen“, die „Mutigen“, die „Zigeuner“. Je nachdem, wen man in der alten Heimat fragen würde.

Es ist unser erstes Weihnachten ohne „Familie“, fern der „Heimat“.
Ja, ein wenig seltsam fühlt es sich an. Und einmal wird mir schwer ums Herz, ganz kurz nur. Aber dann holen mich Bonnies und Miguels Gepruste und der viel zu laute Salsa aus Raffas Monster-Box wieder zurück in diesen wunderschönen Abend.
„Heimat ist, wo dein Herz ist.“ Auf einmal versteht man diese in Schlagern hingeworfenen, vermeintlichen Plattitüden und entlarvt sie als tiefe Weisheit, versteckt im Gewand des Kalenderspruchs.

Sieben Nationen aus vier Kontinenten feiern Weihnachten und Sirius strahlt heller als zuvor. Als ob er nur darauf gewartet hat, dass wir alle uns hier und jetzt unter seinem wachsamen Blick treffen.

Gegen Mitternacht übertreffen sich Bonnie und Miguel im Grimassenschneiden, Raffa und Yolanda tanzen den letzten Salsa in die Carob-Schoten unter ihren Füßen, und dann trollt sich einer nach dem anderen. Zurück in VW-Busse, Wohnwagen, Camper und Hütten.
Der kleine Jesus hätte Spaß gehabt heute Abend, denke ich kurz vor dem Einschlafen. Und er hätte Dennis das letzte Stück Schoko-Kokos-Kuchen weggeschnappt.

Nächstenliebe hin oder her.